Die Fibel

Monolog des Mauno in einem Akt von Andrus Kivirähk

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm

für junges und erwachsenes Publikum ab 14 Jahren

 

Mauno:                     Jochen Ganser

Inszenierung:            Sabine Wöllgens

Bühne:                      Johannes Rausch

Kostüme:                   Evelyne M. Fricker

 

Aufführungsrechte:

Österreichischer Bühnenverlag

Kaiser & Co. Ges.m.b.H.

www.kaiserverlag.at

 

Österreichische Erstaufführung

Premiere: 29. 5. 2013 um 20.15 Uhr im Theater am Saumarkt, Feldkirch

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Jochen Ganser
Jochen Ganser

Mauno Truups hat acht Jahre lang die erste Klasse besucht und bezieht seine Lebensweisheit einzig aus dem Lesebuch der Erstklässler. Er ist zufrieden, liest in der Fibel, kommentiert das Gelesene und gewährt dem Zuschauer anhand dieser Kommentare einen Einblick in sein Leben.
 In Wirklichkeit fristet er aber das unwürdige, kärgliche Dasein eines von der Gesellschaft Vergessenen im Estland von heute.

 

Ich mag nicht allein sein, ich will, dass wer da ist und mir sagt, was ich machen soll. In der Schule hat es der Lehrer gesagt, zu Hause meine Oma. Ich will das so. Ich will, dass es klar ist. Jetzt setz dich hin, jetzt komm essen, jetzt ist es Zeit, ins Bett zu gehen.

 

Nach dem Tod der Großmutter verliert Mauno nicht nur diesen Halt in seinem Leben, sondern auch seine Arbeit als Pförtner einer Konservenfabrik. In die leere Wohnung mag er nicht mehr zurück. Durch seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber den Menschen in seinem Dorf kann er sich eine Zeitlang mit Gelegenheitsarbeit über Wasser halten, hilft im Lebensmittelgeschäft, aber schließlich wird er fortgejagt, weil er „vor Blödheit stinkt“. In dieser Situation nimmt ihn sein krimineller Onkel mit in die Stadt und macht ihn zum Handlanger für seine Beutezüge. In der Wohnung, die dieser ihm gegeben hat, ist er auch allein, aber er hat eine Aufgabe, die ihm Halt gibt. Geduldig spioniert er die Nachbarn aus, weiß Bescheid über deren Besitztümer und Gewohnheiten und gibt seinem Onkel bereitwillig die Informationen. So steht er fast Tag und Nacht am Fenster, baut freundliche Verhältnisse auf und darf doch niemanden herein lassen, denn nicht nur geraubtes Gut wird in seiner Wohnung aufbewahrt, sondern schließlich auch noch eine Leiche.

Presse
Presse

 

Der Monolog entwickelt sich aus Passagen von Maunos Kinderfibel, und da er die acht Jahre seiner Schulzeit und den Rest seines erwachsenen Lebens immer wieder die gleichen Sätze gelesen hat, hat er viel darüber nachgedacht und vergleicht die heile Welt der Fibel mit seiner eigenen Situation.

 

„Es regnet ohne Unterlass, aber Imbis Füsse werden nicht nass.“ Die werden nicht nass, weil sie Stiefel anhat. Klar, wenn du solche Stiefel hast! Stiefel sind schon was Feines, aber wo kriegt man Stiefel her?

 

Mauno verleiht denjenigen eine Stimme, die in der Gesellschaft nicht gehört, sondern nur beurteilt werden. Nichts Gewalttätiges strahlt er aus, jedoch eine kindliche Wut über die Ungerechtigkeiten der Welt, die man als „gebildeter Mensch“ doch allzu leicht zu akzeptieren lernt. Insofern hält die Figur des Mauno auch dem Publikum einen Spiegel hin. Es darf und soll sich fragen, was es nach dem Besuch der ersten Klasse vielleicht auch VERlernt hat.

 

Es sind die einfachen Handlungen, die Rituale des Alltags, die Maunos Leben strukturieren und die wir auf der Bühne sehen: das Zubereiten eines Breis aus Milch und Brot, so wie er es von seiner Großmutter gelernt hat, das Waschen der Hände. Und es ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse - Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf - die ihm immer wieder Sorgen bereitet. Ohne die Absicht, Betroffenheit auslösen zu wollen - und weit entfernt von einer Denunzierung der Figur, bietet Kivirähks Text eine großartige Vorlage, die ebenso komisch wie abgründig ist. 

 

Andrus Kivirähk

geboren 1970 in Tallinn, zählt zu den gefragtesten estnischen Dramatikern der Gegenwart. Er studierte Journalistik an der Universität Tartu und arbeitet als Feuilletonist und Kolumnist verschiedener estnischer Zeitschriften. Darüber hinaus ist er als freier Schriftsteller, Film- und Bühnenautor tätig. Bis heute wurden über zwanzig Werke von ihm veröffentlicht, darunter Kurzgeschichten, Humoresken, Kinderbücher, Dramen, Erzählungen, Filmdrehbücher und Opernlibretti. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet. Für sein Stück Die Fibel, das seit seiner Uraufführung 2004 zu den grossen Erfolgen jungen estnischen Theaters zu zählen ist, wurde der Autor beim Heidelberger Stückemarkt 2009 mit dem Europäischen Autorenpreis ausgezeichnet.

 

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